Jedem steht ein Engel zur Seite, wenn wir ihn nicht durch unsere bösen Werke vertreiben. -Hl. Basilius

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Die Kindesentführer

Ein Prequel oder ein Sequel zu “Schreie in der Nacht”. Vielleicht auch gar nichts von beidem. Auf jeden Fall ist die Thematik in etwa das selbe und gibt einen tieferen Einblick in die Welt, die ich am erschaffen bin.

Die Kindesentführer

Der dunkle Forst, wie er von allen genannt wird, nördlich der Hauptstadt und angrenzend an die Klippen, die gut 500 Fuss hinunter zum Meer stürzen, ist eine der Gegenden, die noch wenig erforscht ist.
Man würde meinen, die Technik sei einfach noch nicht ausgereift genug, um einen solch dichten Wald zu durchforsten, aber daran liegt es garantiert nicht. Der nördlichere Teil nämlich, der finstere der beiden, wird von einem Stamm Lykanthropen bewohnt. Wolfsmenschen werden sie genannt, sie selbst nennen sich “Varulfen”. Die schrecklichsten Geschichten werden darüber verbreitet, wie viel davon aber wirklich wahr ist, weiss niemand. Aber sagt man nicht, dass in jeder Geschichte ein wahrer Kern steckt?

Trotz der Gefahr, die dort zu lauern scheint, verfolgt schon seit Tagen ein Mann die Spur der Kindesentführern. Auf Pferden kommen sie in Dörfer und Städte, stehlen gewaltsam ein Kind und nehmen es wieder mit. Die sagenhaftesten Geschichten wanken sich um diese traurigen Fälle. Von Hexen, welche diese Kinder verspeisen, wird gesprochen, oder von Spenntauren, welche die Kinder ihren Göttern opfern.
Der Mann selbst braucht kein Pferd, um sich fortbewegen zu können. Er, selbst ein Lykanthrop, vom Stamm der Katzen stammend, ist auf flachem Boden genug schnell. Die rötliche Mähne ist voluminös und, auf ihre ganz eigene Art, eindrucksvoll. Bis etwa ins Kreuz reichen die ungeraden, unlockigen Haare. Die Haut sonst ist weiss.
Der Mann trägt nur eine weisse Leinenhose, sowie einen Gürtel, an dem Messer, ein Sack und Patronen befestigt sind. Patronen für das Gewehr, das er auf dem Rücken trägt, befestigt ebenfalls an einem Gürtel, der allerdings schräg über den Oberkörper getragen wird. Auch vorne sind Patronen befestigt. Grosse, schneeweisse Hülsen. Die etwas pelsigen Füsse verraten ihn sofort, zu welcher Art Lykanthrop er gehört – denn solcherlei Füsse besitzen nur die Könige unter den Katzen. Die Löwen.
Mit dem ersten Stein des Modenlichtes, das durch die sternklare Nacht dringt, ist ein lautes brüllen zu hören. Der Mann sackt in sich zusammen, während die Kleider langsam zu verschwinden scheinen.
Zwei Vögel flattern von einem Baum in der Nähe hoch in die Luft, das Flattern wird durch ein erneutes Brüllen unterbrochen. Das, was vorhin ein Mann war, ist nun ein grosser Löwe. Die Tatzen fest auf dem Boden hat er vorhin den Mond angebrüllt. Eine Tat, die sonst nur den Wölfen zugeschrieben wird, aber denoch von allen Lykanthropen praktiziert wird, als Dankeschön für Kraft, welches das Mondenlicht den Lykanthropen schenkt. Schliesslich wendet sich der Löwe wieder den Spuren zu, die nur geübte Augen erkennen können. Die Spur, die schon lange wie ein roter Faden für den Wolf wirkt. Und er beginnt zu rennen. Anmutig, wie es Löwen nun einmal sind, springt er über die weite Ebene. Weiter zum Wald. Dort, wo die Kindesentführer zu sein scheinen.

Tief im Wald, auf einer Lichtung, stehen verschiedene Käfige. Nebeneinander, aufeinander und werden von einem einfachen Kran mit Flaschenzugwirkung bewegt. In den Käfigen drin sitzen Gestalten, Kinder, offensichtlich. Völlig teilnahmslos starren sie in die Dunkelheit der Bäume. Offensichtlich ist ihnen etwas zugestossen. Aber was es wirklich ist, lässt sich nicht einmal erahnen.
Verschiedene, in schwarzen, engen Kleidern gekleidete Personen beider Geschlechter gehen eifrig über die Lichtung. Beschäftigt. Über der Lichtung schwebt ein Zeppelin, deren blauschwarze Farbe hervorragend mit dem Himmel verschmilzt. Auf den Seilen von ebenso dunkler Farbe scheinen Raben zu sitzen, die mit ihren gelben Augen ein unheimliches Bild abgeben. Ein Seil reicht von der Kabine runter zu Boden, einladend ein Käfig nach dem anderen. Kinder um Kinder werden, in Käfigen verstaut, hochgezogen. Verschwindent in diesem Luftschiff, das fast kein Geräusch verursacht, ausser das Rabengekrähe.
Auf einem Baum, unweit der Lichtung entfernt mit bestem Einblick auf die Geschehnisse, sitzt ein Löwe mit goldorangem Feld und rötlicher Mähne. Der Mann, der die Spur eifrig verfolgt hat. Angeheuert von der cyrodischen Regierung. Ein Auftragsmörder, eigentlich. Verhaftet vor drei Zyklen. Und nun, als Resozialisierungsmöglichkeit, gesandt, um den Vorkommnissen auf die Spur zu kommen.
Unter ihm bemerkt er eine Bewegung. »Mist«, denkt er, und in der nächsten Sekunde ist er wieder der Mann mit den weissen Leinenhosen und dem Gewehr auf dem Rücken. Langsam steigt er den Baum herunter. Seine geschulten Auge nehmen jedes Detail war, das in ihren Fokus gelangt. Und da – tatsächlich. Ein Mann, mit der genau gleichen Augenfarbe wie die Morph auf der Lichtung. Die gleiche Kleidung. Und der Intention, die anderen zu warnen.
Mit einem Satz, um ihn am Schreien zu hindern, steht er auch schon vor ihm. Geräusche vermeidend schnellt sein Arm nach hinten. Krallen scheinen seine Haut zwischen den Fintern zu durchstechen, doch sind dort tatsächlich Gruben für die Krallen. Dann flitzt die Hand wieder, zielgerichtet, nach vorne.
»Acht–«, ertönt ein Schrei durch die Luft, der gleich darauf von einem Röcheln gefolgt wird. Der Löwenmann zieht seine blutige Hand aus dem Bauch dieses Gegners, in der Hand das, was diese Kreaturen am Leben zu halten scheint: Ein kleines Organ, sanduhrenförmig und schleimig, das aber nicht in den menschlichen Organmus gehört. Sofort zerfällt der Mann zu Staub, als der Löwenmann dieses Organ mit seinem gewaltigen Zahnwerk zermalmt und herunter schluckt.
Aber trotzdem – entdeckt ist er. Das Herunterschlucken dieser grausigen Innerei benötigte zusätzlich viel zu viel Zeit. Die Kindesentführer eilen eine Strickleiter hoch in die Kabine des Zeppelins, der nun schweigend in der Finsternis verschwindet, auf das Meer hinzu. Geräuschlos, abgesehen vom leisen Flattern von Flügeln. Rabenflügel.